Der Erzphantast unter allen Phantasten

• Immanuel Kant
»Es lebt zu Stockholm ein gewisser Herr
Schwedenberg, ohne Amt oder Bedienung, von
seinem ziemlich ansehnlichen Vermögen. Seine
ganze Beschäftigung besteht darin, daß er, wie er
selbst sagt, schon seit mehr als zwanzig Jahren mit
Geistern und abgeschiedenen Seelen im genauesten
Umgange stehet, von ihnen Nachrichten aus der
andern Welt einholet und ihnen dagegen welche
aus der gegenwärtigen erteilt, große Bände über
seine Entdeckungen abfaßt und bisweilen nach
London reiset, um die Ausgabe derselben zu
besorgen. Er ist eben nicht zurückhaltend mit seinen
Geheimnissen, spricht mit jedermann frei davon,
scheint vollkommen von dem, was er vorgibt,
überredet zu sein, ohne einigen Anschein eines
angelegten Betruges oder Charlatanerie. So wie er,
wenn man ihm selbst glauben darf, der Erzgeister-
seher unter allen Geistersehern ist, so ist er auch
sicherlich der Erzphantast unter allen Phantasten,
man mag ihn nun aus der Beschreibung derer,
welche ihn kennen, oder aus seinen Schriften
beurteilen … Das große Werk dieses Schriftstellers
enthält acht Quartbände voll Unsinn, welche er
unter dem Titel: Arcana caelestia, der Welt als eine
neue Offenbarung vorlegt …«

• Psychiatrische und psychopathologische
Deutungen
Der Seher wurde wegen seiner paranormalen
Begabung oft für krank erklärt. So diagnostizierte
der italienische Psychiater und Kriminologe Cesare
Lombroso eine »Megalomanie mit religiösem
halluzinatorischem Irresein«. Der Existenzphilosoph
Karl Jaspers entschied sich für eine »Schizophrenie«.
Der Direktor der Nervenklinik der Charité Berlin
Karl Leonhardt bezeichnete diese genauer als eine
»konfabulatorisch-phonemische Paraphrenie«.
Elizabeth Foote-Smith hingegen tippte auf eine
»Temporallappen-Epilepsie«.
 
Immanuel Kant (1724 – 1804)
Bedeutendster Philosoph der Aufklärung
Karl Jaspers (1883 –1969) Psychiater
und Philosoph